Pilzberatung im Rückblick

Viele Jahrzehnte Pilzberatung in Wismar

Die Kreispilzsachverständige Annalotte Heinrich iin den späten 1950er Jahren.

Die Kreisbeauftragte für Pilzaufklärung, Annalotte Heinrich, im Jahre 1957.

Mindestens seit den 1950er Jahren wurden in der Hansestadt Wismar Pilzberatungen durchgeführt. Die damalige, von der Kreis – Hygieneinspektion beauftragte für Pilzaufklärung, Annalotte Heinrich (Kreisbeauftragte) und Ortspilzbeauftragter Fritz Wöhlke, begannen damals in unserer Stadt Pilzberatungen, Lehrwanderungen und Ausstellungen zu organisieren.

Hier eine Aufnahme aus den 1960er Jahren. Fräulein Heinrich (links) erläutert wissenswertes zum Schwefelporling. In der Mitte sehen wir unseren dienstältesten, noch lebenden Pilzfreund Hans - Jürgen Wilsch, der auch heute noch kaum eine Pilzwanderung ausläßt und auch bei anderen Aktivitäten den Steinpilz - Wismar tatgräftig unterstützt.

Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1964. Fräulein Heinrich (links) erläutert wissenswertes zum Schwefelporling. In der Mitte sehen wir unseren dienstältesten Pilzfreund, Hans - Jürgen Wilsch, der auch heute kaum eine Pilzwanderung ausläßt und auch bei anderen Aktivitäten den Steinpilz - Wismar tatkräftig unterstützt.

Gruppenfoto während einer Pilzwanderung am 26.07.1959. Rechts Hans - Jürgen Wilsch, 2. von rechts Ortspilzbeauftragter Fritz Wöhlke, 4. von rechts Annalotte Heinrich.

Gruppenfoto während einer Pilzwanderung am 26.07.1959. Rechts Hans - Jürgen Wilsch, 2. von rechts Ortspilzbeauftragter Fritz Wöhlke, 4. von rechts Annalotte Heinrich.

Viele Menschen waren zu dieser Zeit noch von den entbehrungsreichen Kriegs – und Nachkriegsjahren geprägt und nutzten in grösserem Umfange als heute, alles was die Natur an verwertbaren Lebensmitteln zur Verfügung stellte, somit auch reichlich Pilze. Da es aber immer wieder zu schweren Vergiftungen kam, war es sehr wichtig, dass zumindest in den größeren Orten und in waldreicheren Gebieten Pilzberater eingesetzt wurden, an die man sich im Zweifel wenden konnte. Viele ehrenamtlich Beauftragte berieten in der ehemaligen DDR die Leute in ihren Privatwohnungen. Nur wenige hatten das Glück, das ihnen die Komune eine richtige Beratungsstelle zur Verfügung stellte, so wie es in Wismar der Fall war. Ab jetzt rückte die Pilzberatung viel mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit und jeder aus nah und fern wußte, wo er sich im Zweifelsfall kostenlos Auskunft einholen und beraten lassen konnte. Mit dem Schaufenster eröffnete sich auch eine viel größere Möglichkeit, Pilzaufklärung zu betreiben. Es gab viele Jahre ständig aktuell gestaltete Ausstellungen mit echten und frischen Pilzen. Ein enormer Zeit- und Arbeitsaufwand!

Im Kulturbund der DDR gab es eine Fachgruppe Mykologie, die von Annalotte Heinrich geführt wurde. Hier fanden regelmäßig Ausspracheabende und Diavortäge statt. Auch wurden im Kulturhaus größere Pilzausstellungen organisiert.

Ende der 1970er Jahre musste sich aber die langjährige Kreispilzbeauftragte Annalotte Heinrich aus altersgründen Sorgen machen um den Erhalt der städtischen Pilzberatungsstelle, denn auch der Ortsbeauftragte Fritz Wöhlke war vor einigen Jahren schon verstorben. Über eine Anzeige in der Tagespresse konnte sie aber ein interessiertes Ehepaar für diese verantwortungsvolle, ehrenamtliche Tätigkeit, gewinnen und dadurch den Erhalt dieser wichtigen Einrichtung für Wismar sichern. Aber da war ja auch noch meine Wenigkeit, mit bürgerlichem Namen Reinhold Krakow, der schon als Kindergartenkind nicht von den Pilzen lassen konnte (was die Erzieherinnen gar nicht so gut fanden). Nachdem ich meine Lehre als Konditor in der damaligen Konsum – Großbächerei in Wismar abgeschlossen hatte und wohl damit auch die Reife für einen verantwortungsvollen Pilzberaterposten erlangt hatte, sprach mich Fräulein (darauf legte sie viel wert!) Heinrich an, ob ich nicht an der Seite des neu gewonnenen Pilzberater – Ehepaares Steinbrecher, Interesse hätte, die Beratungsstelle mit ihnen zusammen zu Besetzen. Ich willigte natürlich sofort ein, denn eine schönere Tätigkeit konnte ich mir kaum vorstellen. Schon als Schulkind löcherte ich die stadtbekannte Pilzfrau mit meinen Fragen und holte mir ständig bei ihr Rat und Sicherheit. Das sie mir das Zeug für einen Pilzberater in so jungen Jahren zutraute, war für mich natürlich eine große Ehre und gleichzeitig auch die Prüfung zum Ortsbeauftragten für Pilzauklärung für die damalige Kreistadt Wismar. Kreisbeauftragte wurde Sigrid Steinbrecher und ihr Ehemann Heinrich übernahm den Posten eines Ansprechpartners in punkto Pilze auf der damaligen MTW – Werft in Wismar, wo zu dieser Zeit immerhin an die 6000 Menschen beschäftigt waren.

Pilzkontrolle auf einer Pilzlehrwanderung um das Jahr 1980 herum. Links sehen wir Annalotte Heinrich und rechts Sigrid Steinbrecher bei krtischen duchforsten des Sammelsuriums. Jeder Teilnehmer der Wanderung mußte zum Schluss der Wanderung nochmals seine gesammelten Werke ausschütten und kontrolliren lassen.

Pilzkontrolle auf einer Wanderung um das Jahr 1980 herum. Links in der Mitte sehen wir Annalotte Heinrich und rechts neben ihr Sigrid Steinbrecher beim kritischen Duchforsten des Sammelsuriums. Jeder Teilnehmer mußte zum Schluss der Wanderung nochmals seine gesammelten Werke ausschütten und kontrollieren lassen.

Besonders in den 1970er und 80er Jahren gab es in Wismar auch einen florierenden Wildpilzmarkt. Hauptsächlich im Herbst kamen hier viele Zentner Wald- und Wiesenpilze zum Verkauf. Allen voran große Mengen an Lilastieligen- und Violetten Rötel – Ritterlingen, aber auch Hallimasch, Champignons, Edel – Reizker, Butterpilze, Riesenboviste sowie Stockschwämmchen und sogar Frostschnecklinge waren u. a. im Angebot. Die Menschen waren dafür sehr Dankbar, denn Zuchtpilze gab es kaum zu Kaufen und wenn, dann meist für gute Kunden unter dem Ladentisch. Auch ich habe zur Versorgung der Bevölkerung mit frischen Wald- und Wiesenpilzen reichlich beigetragen und mir besonders als Schulkind ein beachtliches Taschengeld hinzu verdient.

Pilzverkauf vor der alten Pilzberatungsstelle in der Lübschen Straße 2 anfang der 1990er Jahre. Im Angebot sind Hallimasch. Viele Jahre gab es hier viele Waldpilze zu kaufen, die vorher über den Kontrolltisch der Pilzberater gegangen sind. Hier sehen wir am Stand Gerhard Holz, der viele Jahre die Fachgruppe Ornithologie im Kulturbund der DDR leitete und auch für die Storchenzählung im Kreis Wismar zuständig war.

Pilzverkauf vor der Beratungsstelle Anfang der 1990er Jahre. Im Angebot sind Hallimasch, die vorher über den Kontrolltisch der Pilzberatung gegangen sind. Hier sehen wir am Verkaufsstand Gerhard Holst, der lange Zeit die Fachgruppe Ornithologie im Kulturbund leitete und auch für die Storchenzählung im Kreis Wismar zuständig war.

Dann kam die Wende. Ich wurde arbeitslos und mein ehemaliger Betrieb dicht gemacht. Dieses Schicksal sollte aber die Pilzberatungsstelle in Wismar nicht teilen, denn jetzt hatte ich unbegrenzt Zeit, mich um den Erhalt dieser Einrichtung zu kümmern. Meine Mitstreiter, die Steinbrechers, hatten ohnehin geplant, in den Ruhestand zu gehen, unabhängig vom Wendegeschehen, so dass ich als Aleinkämpfer weiter machen mußte. Da die Grenzen plötzlich offen standen und sich das Leben in vielen Dingen radikal änderte, hatte plötzlich auch kaum noch einer Sinn, in die Pilze zu gehen. Die Pilzberatungen gingen gegen null. Es scheint wirklich kaum noch jemand eine Pilzberatungsstelle zu brauchen, zumal es ab jetzt ständig frische Zuchtpilze am Gemüsestand zu kaufen gab. Aber im laufe der Zeit dürfte sich das wohl wieder ändern und solange wird das Schaufenster mein Aushängeschild sein. Ein Fenster voller lebender, echter Pilze und das noch in allerbester, zentraler Lage, dass war für viele Besucher aus dem In- und Ausland etwas absdolut exotisches und es wurde fotografiert, was das Zeug hält. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen privaten Fotoalben noch Bilder einer meiner vielen, so leicht vergänglichen Ausstellungen versteckt sind. Jede einzelne ein Unikat mit 30 – 50 Frischpilzen. Immer eine andere Artenzusammensetzung, zwei mal die Woche neu, von April bis November! Diese Resonanz war natürlich Ansporn und Genugtuung zu gleich.

Schaufensterausstellung in den 1990er Jahren. Von 1981 bis zum Jahre 2002 war ich nicht nur für die Pilzberatung zuständig, sondern auch für die Gestaltung unserer Schaufensterausstellung. Zwei mal wöchentlich habe ich sie in der Regel jeweils von April bis November erneuert. Alles ehrenamtlich und nach Feierabend, denn ich arbeitete

Schaufensterausstellung in den 1990er Jahren. Von 1981 bis zum Jahre 2002 war ich nicht nur für die Pilzberatung zuständig, sondern auch für die Gestaltung unserer Schaufensterausstellung. Zwei mal wöchentlich habe ich sie in der Regel jeweils von April bis November erneuert.

Offiziell war ich als arbeitslos gemeldet, erst als die allerwichtigsten Umstrukturierungen in den Verwaltungen einigermaßen abgeschlossen waren, dachte man auch an mich und überlegte, wie es am sinnvollsten weitergehen könnte, denn die gesetzlichen Grundlagen für die Pilzberatung waren nicht mehr vorhanden. Doch dann ein Lichtblick! Ich bekam vom Gesundheitsamt das erste mal eine ABM. Weitere sollten bis 1999 auf Initiative des städtischen Umweltamtes folgen. Von 1999 bis zum 31.12.2002 erhielt ich sogar eine Festanstellung bei der Stadt.